Das Investment: Nahaufnahme Marc Drießen
Was wird aus der Branche der geschlossenen Fonds? Emissionshäuser und Vertrieb werden reguliert. DAS INVESTMENT zeigt, welche Macher, Meinungen und Managementkonzepte den Markt bewegen. Diesmal: der Vertriebsvorstand von Hesse Newman CapitalAuf der Baustelle ist Mark Drießen gern. Das gilt nicht nur für die lmmobilienprojekte, die er verantwortet. Sondern auch für das Emissionshaus selbst, bei dem er vor dreieinhalb Jahren eingestiegen ist. Das angeschlagene FHR Finanzhaus, das eine Beteiligung an der Privatbank Hesse Newman hielt, haben Drießen und sein Vorstandskollege Dr. Marcus Simon zum Initiator Hesse Newman Capital umgeformt. Teils mit der Abrissbirne: Übrig blieben vom "Dienstleister für Finanzdienstleister" nur das Geschäftsfeld geschlossene Fonds und die Börsennotierung – und von der Bank der Name, der bis ins Jahr 1777 zurückreicht.
Keine Me-too-Lösungen
„Als wir mit Hesse Newman gestartet sind, hat man uns die berechtigte Frage gestellt, ob der Markt das x-te Emissionshaus braucht", sagt Drießen. Das Führungsduo strebte ohnehin keine Me-too Lösung an: „Wir wollten institutionelle Entscheidungsstrukturen mit der Freiheit eines Mittelständlers verbinden." Dazu zähle, zum einen nicht den Druck zu haben, das Unternehmen zum allergrößten machen zu müssen. Oder dem Verkauf alles andere unterzuordnen. "Lange war es in unserer Branche so, dass Produkte optimal vertriebsfähig sein sollten, um sie möglichst schnell platzieren zu können“, weiß Drießen. „Wir machen das Gegenteil und stellen unsere Fonds konservativer dar, als wir zwingend müssten.“ Under promise, over deliver, nennt der Hesse-Newman-Vorstand das. Zu Deutsch: mehr halten, als man verspricht.
Beispiel: „Als wir im Juni vergangenen Jahres unseren Brüsseler Immobilienfonds aufgelegt haben, lag das offizielle Staatsziel für die Inflationsrate in Belgien bei 3,5 Prozent“, so Drießen. „Wir haben nur mit 2,0 Prozent Inflationsrate kalkuliert. Die nun erfolgte höhere Anpassung beschert dem Fonds Mehreinnahmen im siebenstelligen Bereich." Mit der Classic-Value-Fonds-Reihe finanziert das Drießen-Team aktuell ein Green Building in Hamburg, das sich durch ökologische und durch ökonomische Nachhaltigkeit auszeichnet. Drießen hält Letzteres für den am meisten unterschätzten Faktor für Investoren. Denn das Immobilien-Mantra Lage, Lage, Lage sei intellektuell ausbaufähig: „Kontraktfairness punktet. Fonds, die die Interessengleichheit von Investor und Emissionshaus auch konzeptionell verankern, gehört die Zukunft."
Beim ersten Classic-Value-Produkt gab es indes einiges Rumoren in der Branche. Das Konzept sah vor, sich bei den Auszahlungen unter anderem aus der Liquiditätsreserve zu bedienen. Die Rendite prognose sei schöngerechnet, lautete der Vorwurf. Drießen kontert: "In der Nachsteuerbetrachtung hat dies einen Effekt von minus 0,1 Prozent, ohne dass wir das Risiko substanziell erhöhten. Ich kenne keinen Immobilienfonds, der wegen eines höheren Disagios die prospektierten Ergebnisse nicht erreicht hat.
Hanseatisch aus Prinzip
So sieht Drießen an anderen Stellen Fallstricke. Etwa bei Finanzierungen über Schweizer Franken: „Wie will man da das Anlegerrisiko kalkulieren? Für uns ein absolutes No-go." Gleiches gelte für unter dimensionierte Instandhaltungskosten oder zu hohe Erwartungen bei der Anschlussvermietung: „Wir kaufen lieber ein Objekt zum 17,5-Fachen der Jahresmiete, die zwei Euro unter dem Markt durchschnitt vermietet ist, als eine zum 15,5-Fachen, die 2 Euro über Durchschnitt liegt." Der gebürtige Düsseldorfer versteht sein Haus in der Tradition Hamburger Kaufleute: „Da sind wir stockkonservativ. Gemauschel gibt's nicht."
Ganz hanseatisch sind Schiffsbeteiligungen das zweite Standbein von Hesse Newman – wenngleich das Haus seit Mitte 2010 keinen solchen Fonds mehr aufgelegt hat. Drießen: „Das liegt am Marktzyklus. In der Branche bieten sich derzeit gute Einkaufsmöglichkeiten, Schiffsfonds platzieren sich aber jetzt nur sehr schwierig. Wir haben aber die Immobilien- und Schiffssparte in unserem Haus bei der Manpower gleich gewichtet und können jederzeit wieder loslegen."
Bei ihrem im Herbst 2009 emittierten Shipping-Opportunity-Zweitmarktfonds hatte sein Team erstmals kräftig an der Weichkosten-Schraube gedreht - nach unten. Damit steht Hesse Newman im Markt noch ziemlich allein da. „Wir glauben, dass man über erfolgsabhängige Konzepte die Gebührenstruktur kundenfreundlicher machen kann, als dies beim traditionellen geschlossenen Fonds läuft", kommentiert Drießen. Er räumt ein, dass einige Hürden im Vertrieb zu überwinden waren: „Dennoch haben wir das Modell fortgeführt. Ganz generell muss unsere Branche ihr Geschäftsmodell qualitativ erheblich weiterentwickeln." ln den vergangenen 30 Jahren sei da vergleichsweise wenig passiert.
Weg mit den Branchen-Dogmen
Potenzial sollte laut Drießen bei neuen Zielgruppen gehoben werden - zum Beispiel beim Publikum unter 40 Jahren. So wären für ihn bei geschlossenen Fonds prinzipiell auch Einstiegsgrößen weit unterhalb der üblichen 10.000 Euro denkbar: „Wenn jemand 20.000 Euro anlegen will, warum sollte er nicht 2.000 Euro davon in Sachwerte investieren?" Immer vorausgesetzt, dass es sich um ein seriöses Produkt handelt. „Aber dann hebt gleich wieder einer den Zeigefinger und beklagt, dass der falsche Anlegertyp angesprochen würde." Dieses Dogma gebe es nur bei geschlossenen Fonds: „Wenn der gleiche Kunde 20.000 Euro in einen Taiwan-Investmentfonds investiert, haben wir diese Debatte nicht. Und wenn ich bei Starbucks einen doppelten Espresso bestelle, fragt man mich auch nicht gleich, ob mein Herz das mitmacht. Nicht die Frage nach dem angeblich falschen Kunden ist entscheidend, sondern die nach der richtigen Dosierung."
Bislang ist das Konzept der HesseNewman-Doppelspitze gut aufgegangen. 2011 konnte das Emissionshaus mehr als 130 Millionen Euro Eigenkapital einwerben. „Das haben wir am Anfang und erst recht nicht zwischendurch erwartet, als der Markt immer schwieriger wurde", so Drießen. „Das haben wir uns erarbeitet, aber ein bisschen Glück gehört auch dazu. Wir sollten jetzt den Ball weiter flach halten und auf Demutsniveau bleiben.“ Baustellen gibt es für den Hesse-Newman-Mann noch reichlich in der Branche: „Abwarten und zusehen ist nicht so unser Ding.“
Markus Deselaers
Quelle: Das Investment, 15. Februar 2012
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